Krise und jetzt ‘Business As Usual’?

Als sich in den 70er-Jahren die Unfälle in der Luftfahrt aufgrund von menschlichen Fehlern häuften, war man in der Luftfahrt gemeinsam in einem NASA Workshop auf der Suche nach den Ursachen. Die Piloten waren gut ausgebildet, die Technik wurde immer besser, aber was zuvor nicht genug betrachtet wurde ist der Faktor Mensch. Genau das hat das Konsortium damals erkannt und war mutig einen neuen Schritt zu gehen. Sie führten die ersten Versionen des Crew Resource Management (CRM) Trainings ein. Für viele gerade ältere Kapitäne ein Affront und auch für die jüngeren Crewmitglieder eine völlig andere Arbeits- und Denkweise. Auf einmal sollten flache Hierarchien gelten, anders kommuniziert und eine offene Fehlerkultur gelebt werden. Irgendwie wirkte alles wie psychologischer Krimskrams in einem doch so technischen Umfeld. Aber der Gedanke an den Faktor Mensch, so trivial er zunächst klingen mag, war bedeutend. Über die nächsten Jahrzehnte gingen die Unfälle aufgrund von menschlichem Versagen um 20 %, manche Quellen sprechen sogar von 40 %, zurück. Und ganz nebenbei wurde über die Jahre an Bord eine Arbeitsatmosphäre geschaffen, die besonders ist. Wir leben eine aktive Fehlerkultur und psychologische Sicherheit und identifizieren uns mit unserer Tätigkeit. Etwas was laut Gallup Studien auch im Jahr 2019 immer noch bei über 80 % der Beschäftigten in Deutschland nicht der Fall ist (gering oder keine emotionale Bindung an den Arbeitsplatz). Auch wenn es vor allem am Anfang den Kapitänen nicht so richtig gefiel, könnte sich keiner der Wirkung dieses Systems über die Jahre entziehen. Und sie wurden als Führungskräfte zu einem entscheidenden Baustein für das Crew Resource Management.

Die Notwendigkeit des Handelns bei sich häufenden Unfällen oder Krisen ist in der Luftfahrt durch die große mediale Aufmerksamkeit natürlich stärker als in einigen anderen Branchen. Gepaart mit weiteren rechtlichen Vorgaben wurde die Einführung des CRM beschleunigt. Nichtsdestotrotz haben die Akteure während dieser Zeit den Mut für Veränderungen bewiesen. Gegen alle Bedenken glaubten sie an die Idee und hielten daran fest. Heute wird diese Hartnäckigkeit mit dem gelebten CRM belohnt.

In der heutigen Situation stehen wir in der Wirtschaft und Gesellschaft ebenfalls an wichtigen Wendepunkten an denen die Entscheidungen immer bedeutender für unseren zukünftigen Erfolg, aber auch für das Gesamtsystem werden. Künstliche Intelligenz, Alternativen zu Verbrennungsmotoren, Klimawandel, Robotik, Remote Work, Coronaviren und Pandemien … das sind Themen, die uns bewegen. Eine bedeutende Aufgabe ist es jetzt die Menschen in diesem Wandel mitzunehmen und auch die Ängste und Sorgen ernst zu nehmen. Entscheider und Führungspersönlichkeiten sind mehr denn je gefragt diesen Wandel aktiv zu begleiten. Der Ansatz und die Entwicklung der Human Factors und des Crew Resource Managements in der Luftfahrt kann hier eine Stütze, ja vielleicht in einigen Bereichen eine Art Vorbild für den bevorstehenden Wandel sein. Natürlich ist es allein nicht das Allheilmittel und muss gepaart werden mit weiteren Ansätzen aus den Bereichen wie z.B. des Coachings, der Wissenschaft oder agilen Methoden. Aber es kann eine Ausgangsbasis für Veränderungen sein. Das Handeln an Bord ist von psychologischer Sicherheit und Kollaboration geprägt. Es basiert auf gemeinsamen Werten und Zielen. Und gerade jetzt und heute benötigen wir in der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft starke Leader, die für Werte wie Vertrauen, Respekt und Wertschätzung stehen. Dies vermissen auch allein schon in der Frage der Digitalisierung in Deutschland viele Mitarbeiter.

Gerade in den Anfangszeiten des CRM fühlten sich die Entscheider, Kapitäne, wie entmachtet. Aber genau das ist es gerade nicht, eine Entmachtung. Es ist eine andere Sichtweise auf Führung, die in seiner Kraft dem Vorherigen in nichts nachsteht. Aber es braucht Mut und ein gemeinsames Mindset. Und ja, natürlich braucht es auch finanzielle Mittel und Zeit, um ein System mit dem Fokus auf den Faktor Mensch aufzubauen. Das ist nicht zu leugnen. Vor allem Menschen und Führungspersönlichkeiten sind aber gefragt, die vorausdenken und mit gutem Beispiel vorangehen.

Gerade die Corona Krise bietet uns hier eine bedeutende Chance. Wir können und müssen Dinge neu denken – wie wir arbeiten, führen und täglich zusammenleben. In der Luftfahrt führen wir besonders nach Ereignissen, die nicht alltäglich für uns waren, ein Debriefing durch. Im Fokus stehen die unterschiedlichen Sichtweisen der Involvierten auf die Situation und ein Abgleich des mentalen Bildes. Aber auch die Bewertung und Abläufe und schlussendlich eine Evaluation der Konsequenzen für unser zukünftiges Handeln. Wir versuchen nach Fehlern und Fehlerquellen ohne die Schuld von Einzelnen in den Vordergrund zu stellen. Und wir lernen daraus, immer wieder, jeden Tag. Ganz nach dem Vorbild der Einführung des CRM Ende der 70er-Jahre.

Genau das sollte jetzt auch passieren. Nicht nur mit uns persönlich, sondern in den Unternehmen selbst. Business as usual kann nicht die Antwort auf eine so tiefe Krise sein. Wir benötigen konsequente Debriefings, After Action Reviews und die Einleitung von aktiven Änderungen in der Zusammenarbeit und Führung. Auch in diesen wirtschaftlich schwierigen Situationen müssen wir mutig Änderungen anstoßen. Diese brauchen Zeit und auch finanzielle Mittel, aber es wird belohnt. Die Luftfahrt hat es für Flugbesatzungen vorgemacht. Jedes Team hat das Potential eine schlagkräftige Crew zu werden, das den Herausforderungen von morgen begegnen kann.

Sprechen Sie mich an, wenn ich Sie auf Ihrem Weg unterstützen kann.

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