Neulich fragte mich jemand nach meinen Tipps zum Führen von Remote Teams oder von Personengruppen, die immer unterwegs und selten greifbar sind. Seit Beginn der Corona Krise gehört diese Form der Zusammenarbeit in vielen Unternehmen und Leitungsebenen zur Tagesordnung und durch die Digitalisierung wird sie noch weiter voranschreiten.

Mich überraschte die Frage. Natürlich ist es ungewohnt zu führen ohne 1 zu 1 Gespräche mit der Person oder Gruppe an einem Tisch. Aber wird es dadurch schwieriger und worin liegen die Herausforderungen?

„Ja, ich möchte meine Mannschaft immer greifbar haben“ könnte eine mögliche Antwort lauten. Aber, was ist der Sinn dahinter? Zugegebenermaßen ist es im Büro einfacher sich kurz mit Kollegen auszutauschen, auch mal einen privaten Schnack zu halten. Remote gibt es die Barriere, erst mal anzurufen. Aber so viel mehr Aufwand ist es nicht. Diesen kurzen Unterhaltungen sollten gerade Führungskräfte im Remote Office regelmäßig Raum geben. Auch der kurze Schnack über private Dinge – eine kurze Frage, wie es einem im Home Office und unter diesen Bedingungen denn so geht. Gerne wird so etwas vergessen, es fehlt die persönliche Begegnung bei einer Tasse Kaffee auf dem Flur. Das Home Office war für viele eine große Veränderung. Auf einmal sind berufliches Ich und privates Ich nicht mehr so deutlich voneinander getrennt. Die eigene Privatsphäre wird über die Kamera im Meeting sichtbar: Wie sieht es bei uns zu Hause aus, wo sitzen wir, welche Geräusche gibt es – egal ob von Kindern, Haustieren oder der Baustelle. Und dass alles verändert uns auch in unserem Job. Dieser Veränderung muss Aufmerksamkeit gegeben werden – nur so fühlen wir als Mensch in dieser Zeit ernst genommen.

Was im Büro auch einfacher funktioniert, ist Kontrolle. Wir können sehen, wann jemand kommt und geht, wie lange er oder sie arbeitet, wann Pause gemacht wird und wann mal schnell nach Ergebnissen gefragt werden kann. Der direkte Einfluss des Chefs bzw. der Chefin auf ein Team ist vielerorts (leider) nur allzu bekannt: Parodiert in Filmen, wo die Ankunft des Chefs schon vom Eingang aus in alle Flure bekannt gegeben wird, sich alle vorbereiten und glänzen möchten. Aber ist das wirklich das, was eine Führungskraft erreichen möchte? Ist diese Art der Führung für die heutige und zukünftige Generation von Arbeitnehmern noch zeitgemäß?

Ich habe hier starke Zweifel. Was uns die Generationen Y (zu der ich auch noch gehöre ;-)) und Z immer wieder klarmachen ist, dass sie anders geführt werden wollen als mit strikter Hand. Es braucht Leader, die inspirieren und mit Mut vorangehen. Und das, genau das, braucht es auch im Remote Leading!

Wir müssen führen über Werte. Wir führen keine Systeme, sondern Menschen. Und diese möchten nicht über Kontrolle und starre Regeln und Vorgaben angeleitet werden, sondern über Werte wie Respekt, Ehrlichkeit, Vertrauen und Wertschätzung. Menschen wollen als Menschen geführt werden. Aber genau das scheint ein schwieriger Punkt zu sein. Denn es setzt voraus, dass man als Führungskraft die Werte des Unternehmens kennt und sich damit auch identifiziert. Darüber hinaus müssen wir unsere eigenen Werte kennen und nach ihnen leben – im besten Fall im Einklang mit den Unternehmenswerten. Es bedarf einer guten Portion an Selbstreflexion und persönlicher Entwicklung, um seine persönlichen Werte zu entdecken und im beruflichen Ich authentisch zu leben. Das bedeutet, dass man als Führungskraft selbst mit anpackt, wenn es drauf ankommt. Nicht nur Aufgaben verteilt, um dann wieder Ergebnisse abzurufen, wie von einer Maschine. Nein, es ist wichtig, auch den Menschen zu sehen, dem wir diese Aufgabe zuteilen. Die Sachebene reicht nicht aus, um Menschen und Teams zu führen – was remote noch deutlicher wird.

Gehen Sie als Führungskraft in diesen Zeiten mit gutem Beispiel voran:

  • Stehen Sie zu Ihren Werten

  • Hören Sie zu – zeigen Sie Verständnis und Interesse

  • Setzen Sie sich für die Belange Ihrer Mitarbeiter ein, wie Sie es auch für Ihre Unternehmensziele tun

  • Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern, dass sie wichtig sind

  • Geben Sie keine Versprechen, die Sie nicht halten können

Viele dieser Punkte werden verbal transportiert, was es eventuell remote schwieriger macht. Hier müssen wir uns umstellen, aber es funktioniert. Es erfordert Einsatz: Aktiv Zuhören, nachfragen, ermutigen, aufklären und ja, auch kritisieren.

Wenn Sie das jedoch schaffen, dann folgen Ihnen Ihre Mitarbeiter auch bei unliebsamen Entscheidungen oder wenn alles auf den Kopf steht und hinterfragt werden muss. Oder, um ein Beispiel aus der Luftfahrt zu nennen, man einfach mal im Hudson landen muss ;-).

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